John Maynard Keynes

The analysis was in terms of a single national economy. What is desperately needed now is a rewrite in terms of the world economy." (John Maynard Keynes's General Theory of Employment, Interest and Money, 1936)

Sonntag, 24. November 2013

Das asymmetrische Gleichgewicht: eine Annäherung

Der Ausgangspunkt
Nehmen wir zwei Länder, A und B, die jeweils Hämmer und Getreide produzieren. Was immer die konkreten Aufwendungen sind, sie werden sich relativ und absolut unterscheiden. Das Gesetz der komparativen Arbeitsteilung sagt, dass Handel den Wohlstand steigert, so zum Beispiel wenn sich Land A auf die Produktion von Hämmern und Land B auf die Produktion von Getreide spezialisiert.

Nehmen wir an, dass zufällig bei der Herstellung von Hämmern Produktivitätsgewinne möglich sind. Dies kann das Resultat sein von einer Erfindung oder höherer Investitionssicherheit oder einer Bildungsreform oder ergiebigeren Eisenerzlagerstätten. Bei sonst gleichen Bedingungen verwendet das Land A nur noch ein Bruchteil seiner Ressourcen für die Produktion vom Hämmern. Es hat freie Ressourcen zur Verfügung und kann in weitere Innovationen investieren. Diese Möglichkeit hat das Land B nicht, aber es bestehen auch keine unmittelbaren Auswirkungen auf sein Wohlstandsniveau.

Nach vielen vergeblichen Versuchen und hohen Anfangsverlusten gelingt wieder ein Durchbruch im Land A. Es stellt nun Mobiltelefone her. Für sie besteht auch im Land B ein Bedarf. Es kann sie importieren, wenn es mehr Getreide exportiert. Da keine anderen Möglichkeiten bestehen, muss es den Inlandskonsum zu verringern, um an zivilisatorischen Errungenschaften teilzuhaben. Es entsteht die paradoxe Situation, dass Fortschritt mit Minderkonsum einhergeht.

Zwischen beiden Ländern hat sich ein asymmetrisches Gleichgewicht herausgebildet.  Sie bilden ein Ganzes, zugleich können Chancen und Risiken, Innovationsorientierung und Strukturen nicht unterschiedlicher sein. Trotz des Handels zum gegenseitigen Vorteil bestehen Interessen­gegen­sätze: Land A sieht sich auf einem innovativen Wachstumspfad, zu dessen Fortsetzung es auf die stabile Versorgung mit billigem Getreide angewiesen ist. Es ist an offenen Märkten für seine innovativen Produkte interessiert, um die hohen Kosten für riskante Innovationen zu erwirtschaften. Land B leistet einen Beitrag zum gemeinsamen Wohlstand und sieht sich schuldlos an die wirtschaftliche Peripherie gedrängt. Beispielsweise hat die Elektrizitätsversorgung eines Landes nur geringen Anteil an seiner Wertschöpfung, trotzdem ist sie essentiell für das Funktionieren der Gesellschaft. Land B wird angesichts sinkenden Konsums weniger laissez-fair als Fragen der Gerechtigkeit und des Ausgleiches thematisieren. 
Letztlich profitieren beide Länder von den ungleichen Verhältnissen. Dies gilt besonders dann, wenn bestimmte technologische oder institutionelle Schwellen mit hohen Risiko- und Ressourcenbedarf überschritten werden müssen. Besonders prägnant ist dies bei "Der-Gewinner-nimmt-alles-Märkten." Eine bekannte Schwelle ist der Übergang zur Marktwirtschaft, erst in einem Land mit der industriellen Revolution und 1991 als globale Norm. Kopieren erfordert ungleich weniger Ressourcen, egal ob es sich um eine erfolgreiche Arbeitsmarktreform oder ein Autodesign handelt. 
Zugleich besteht ein Dilemma: Eine Umverteilung von Ressourcen aus dem Land A nach Land B erhöht zwar den Lebensstandard im Land B, verringert aber die Ressourcen für Innovationen, von denen auch Land B profitiert, da es nicht die hohen Anlaufkosten und Risiken eines offenen Such- und Findungsprozesses trägt. Findet keine Umverteilung statt, dann wird die Frage immer lauter werden, was Innovationen nützen, wenn Wohlstand im Land B sinkt, der Ressourcenbedarf und das Risiko von Innovationen aber weiter exponentiell ansteigen.
Die konkrete Verteilung von Wohlstand und Wachstumsoptionen entscheidet sich letztlich im politischen Gleichgewicht zwischen Land A und Land B. 

Formen des asymmetrischen Gleichgewichts
Die Weltwirtschaft betrachten wir als ein asymmetrisches Gleichgewicht. Seit den großen geographischen Entdeckungen besteht ein globaler Zusammenhang, bei der jede wirtschaftliche Aktivität jede andere beeinflusst. Heute bestehen Arbeitsplätze mit Wertschöpfungen in hoher Millionenhöhe und Arbeitsplätze in der Subsistenzwirtschaft für etwa 1 Milliarde Menschen mit wenig Veränderungen in den letzten Jahrhunderten. Die Anzahl der Mobiltelefone übersteigt 7 Milliarden und es werden doppelt soviel Lebensmittel produziert als benötigt werden, aber 800 Millionen Menschen sind unter- und fehlernährt. Die wirtschaftliche Entwicklung umfasst Zeitabschnitte, in den Wachstum sehr einseitig verläuft und Zeitabschnitte, bei denen die wirtschaftliche Entwicklung ausgeglichener ist. Einflussfaktoren sind technische Entwicklungen genauso wie sich verändernd Wertevorstellungen.

Neben der globalen bestehen weitere Dimensionen. Die Europäische Union ist eine innovative und komplexe überstaatliche Einheit, die Länder mit unterschiedlicher wirtschaftlicher Leistungskraft vereint. Die Ursachen der gegenwärtigen Krisis liegen in unzureichenden institutionellen Anreiz- und Ausgleichsmechanismen. Die Einführung des Euros lenkte Kapitalströme aus den Kerngebieten in die Peripherie. Sie stimulierten dort Wachstum, wenn auch teilweise auf Kosten der Wettbewerbsfähigkeit und der Verschleppung von Strukturreformen. Deutschland als größtes europäisches Land hatte eines der geringsten Wachstumsraten, konnte aber seine Agenda 2010 unter günstigen makroökonomischen Bedingungen umsetzen. Mit dem Ausbruch der Krise kehrten sich die Kapitalströme um. Austerität in der Peripherie initiiert bis an die Grenzen politischer Belastbarkeit schmerzhafte Strukturreformen. Die wirtschaftlichen Unterschiede nehmen wieder zu. Ein neues stabiles Gleichgewicht hat sich noch nicht herausgebildet, wenn auch erste Konturen sichtbar werden. 


Nicht zuletzt lässt sich die deutsche Wiedervereinigung als ein asymmetrisches Gleichgewicht beschreiben: Auch 22 Jahre nach dem Beitritt sind die neuen Bundesländer von Subventionen abhängig und  Unterschiede in der Leistungskraft bestehen unvermindert fort. Jedoch haben sich die wirtschaftlichen und politischen Rahmenbedingungen verändert. Blühende Landschaften sind kein Selbstziel und auch einzelne Regionen in den alten Bundesländern sind vom Strukturwandel herausgefordert. Deutschland ist insgesamt viel leistungsfähiger geworden. Er ist ein Staat, dessen Regionen ein deutliches Gefälle aufweisen und nicht ein Staat, dessen Regionen die gleiche wirtschaftlicher Leistungskraft haben. Die Wiedervereinigung hat zwar keinen wirtschaftlichen Ausgleich gebracht, war aber nicht unerfolgreich.

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